Die Rehgrabenlegende
Um die Rehgrabenalm kursieren zahlreiche, bis heute lebendige Sagen und Erzählungen. Die wohl bekannteste (und zugleich jene mit dem größten Wahrheitsgehalt) rankt sich um die abenteuerliche Hinterlassenschaft der Rehgrabenhexe „Falak“.
Unfreie Strafkompanie
Nach einer verheerenden Brandkatastrophe ließ Herzog Albrecht III (der Fromme,
1401-1460) den Tölzer Markt im Mittelalter in Steinbauten wieder aufbauen. Zu dieser Zeit verbannte das Bistum Augsburg Strafgefangene und andere Unfreie in die karge, abgeschiedene Jachenau.
Verschleppt aus Transilvanien
Nach der Niederschlagung eines Bauernaufstandes 1437 wurde die „Unio Trium Nationum“ ausgerufen, in dessen Folge Adlige, Mohács und Székler aus den östlichen Ländern zum Flößerdienst im Isarwinkel annektiert wurden. Kurz vor der Verwüstung der Stadt Tölz im Jahr 1453 blühte der Handel mit Gewürzen und Medizin, die auf der „wilden Isar“ mittels Flößen vom Süden in den Norden befördert wurden. Demgemäß müssen Falaks Vorfahren um 1439 aus Transilvanien (östliche Moldau, heutiges Rumänien) in den Isarwinkel verschleppt worden sein. Hier wurden sie von den Obigen zu Frondiensten, Handwerks- und Flößerarbeiten genötigt.
Falak, Stern der Jachenau
Schnell tat sich die Kunde rund, dass in der Jachenau ein Mädchen von bemerkenswerter Schönheit aufwuchs. Überlieferungen sprechen von einer pechschwarz gelockten Zigeunerin, wasserblauäugig und von hochgeschossener, hagerer Gestalt namens Falak (Stern). Obschon der jungen Frau der Ruf vorauseilte als widerspenstig, tollkühn und unbeherrscht zu gelten, sollen zahlreiche Jungbauern der Region (ob ihres Liebreizes) um ihre Gunst gebuhlt haben. Bis nach Königsdorf, Sachsenkam, Dietramszell, Geretsried, Reichersbeuern, Waakirchen und Miesbach tat sich die Kenntnis breit, dass in der Jachenau ein edelmütiges Geschöpf von einnehmender Anmut lebe.
Schatztruhen voller Gold
Musilinski, Falaks Vater, veranlasste dieses Begehren zu einem verwegenen Plan: Ausschließlich der, der seine Tochter mit Reichtum und ihre Familie mit Wohlstand versorge, dürfe um die Hand von Falak anhalten. Prompt verbreitete sich das Gerücht in Windes Eile. Sobald fanden sich Truhen bis an den Rand gefüllt mit Münzen, kostbaren Kelchen und güldenem Schmuck in dem dürftigen Holzstadel der Zigeuner ein. Weil jedoch der listige Vater den Preis der Verlobung nicht bezifferte, überboten sich alsbald die hiesigen Jungbauern in ihrem Werben.
Musilinsiki’s Erbschaft
Nach dem ersten Winter war der Wohlstand der Zigeunerfamilie auf ein unvorstellbares Maß angewachsen. Tatsächlich war der Reichtum der Truhen kaum zu ermessen, geschweige denn von den armen Verschleppten auszuloten und so geschah es, dass Musilinski hastig beschloss, das Vermögen zu verbergen. Mit der Hilfe dreier Gehilfen vergrub der alte Zigeuner insgesamt 13 Holztruhen im unwegsamen Gelände nahe der Rehgrabenalm. Allerdings wurden er und seine siebenköpfige Familie kurz darauf auf der Flucht von söldnerischen Knappen in Österreich an den Pranger gestellt.
Falak’s Schicksalsnacht
Nie gaben die treuen Zigeuner jedoch den Ort der Schatztruhen preis. Falak’s Unheil sollte der Fußlauf Jachen besiegeln: Im Alter von nur 27 Jahren wird sie dort von einem Dutzend aufgebrachten Jungbauern in einer Vollmondnacht ertränkt; freilich ohne zuvor den Standort der hochgeschätzten Schatztruhen preisgegeben zu haben.
Die Rehgrabenhexe im 19ten Jahrhundert
Wenig später nach der Entdeckung der Jodquellen in Bad Tölz am Sauersberg im Jahre 1845 berichten Aufzeichnungen erstmals von der „Rehgrabenhexe“. Ein Viehjunge soll sich in diesen Tagen nahe der Rehgrabenalm einer Gruppe grasender Rehe genähert haben. Das Damwild weidete jedoch nicht, sondern schabte tief im Erdreich. Offensichtlich auf der Suche nach verborgener Herbstnahrung. Als er sich an die Rehgruppe heranschlich, ergriff diese keineswegs die Flucht. Bevor er sich den Wildtieren jedoch soweit annähern konnte, um die Ursache dessen zu erforschen, wonach sie gruben, vernahm der Bube ein lautes „Falak, Falaaaak“. Außerdem verspürte er eine kalte Hand auf seiner rechten Schulter. Der Bursche Seppl ertrank auf unerklärliche Weise wenige Jahre später im Isarhochwasser 1852.
20tes Jahrhundert – das Rucksackvermächtnis
1917, so berichten die Geschichtsbücher, ging der aus Bremen stammende Freiherr Willibald von Herresleben den Gerüchten um den Rehgrabenschatz systematisch auf die Spur. Begleitet von einer achtköpfigen Expeditionsmannschaft nächtigte Herresleben insgesamt 16 Tage in den ausgetrockneten Gebirgsläufen nahe der Rehgrabenalm.
Mit Tarnzelten ausgestattet versuchten drei Gruppen um Herresleben der Sage um den Rehgrabenschatz auf den Grund zu gehen. Dabei hatte die Beobachtung weidender Rehe Vorrang. Nachdem sich allerdings frisch gekochter Kaffee in der 15ten Nacht unvermittelt in einen eiskalten Trunk verwandelte, ergriff die Mannschaft das Weite.
1921 stürzte einer der Begleiter in eine Felsspalte am Kreuzjoch (2.558 Meter).
Der Rheinländer Herbert Kreuzinger verstarb Tage später, nachdem er sich aufgrund eines Oberschenkelbruchs aus eigener Kraft nicht aus der Felsspalte befreien konnte. Die Tiroler Rettungsmannschaft entzifferten in seiner mühsam formulierten Hinterlassenschaft auf einem Rucksack insgesamt 13 mal eingeritzt die Worte „Falak“.
Polizeiprotokolle Lenggries
Im Jahr 1975 verbrachte der aus Franken stammende, damalige Student Andreas Künzel, nach einem Motorradunfall eine sechswöchige Rehabilitationskur in Lenggries. Von ihm stammen die vermutlich authentischsten Schilderungen über die Rehgrabenhexe. Der passionierte Naturfreund nächtigte (eigenen Angaben zufolge) dreimal unter freiem Himmel in der unmittelbaren Nähe der Rehgrabenalm. In der zweiten Nacht habe sich ihm am Lagerfeuer eine weibliche Lichtgestalt genähert und zu ihm in einer schwer verständlichen Altdeutschen Sprache gesprochen. Dem polizeilichen Protokoll zufolge soll der Wortwechsel mehrere Minuten gedauert haben. Zwar taucht der Name „Falak“ in den Aufzeichnungen nicht auf, doch beschrieb der aus Würzburg stammende Maschinenbauer die Erscheinung als grazil und außerordentlich attraktiv. Künzel lebt heute auf den Seychellen und betreibt in „Anse Etoile“ eine florierende Strandbar.
Weitere Beweise der Rehgrabenhexe
1987 verschwand eine Trinkflasche auf rätselhafte Weise, die ein Wanderehepaar an der Bergquelle unterhalb der Rehgrabenalm aufzufüllen versuchte. Ein Vogelkundler berichtet im Jahr 1994 erneut von einer Ansammlung „schabender Rehe“, den er sich auf wenige Meter nähern konnte, ohne dass diese die Flucht ergriffen. Die letzte Begegnung, die auf die Existenz der Rehgrabenhexe hindeutet, stammt aus dem Jahr 2001: Seinerzeit beobachteten Heide und Gisbert Langhausen in der Abenddämmerung, wie ein Rudel Damwild mit drei Kitzen und zwei Böcken offenkundig einen rund zwei mal drei Meter großen Weidebereich freizugraben versuchten.
Ob nun etwas dran ist an der Existenz der Rehgrabenhexe bleibt ungewiss. Etliche Indizien sprechen dafür. Sicher ist: „Falak“ beobachtet das rege Treiben auf der Rehgrabenalm gewiss sehr aufmerksam. Ob nun vom bayerisch königsblauen Himmel aus oder verborgen im Schutz der die Alm umgebenden Waldränder.
Falak’s Hexenzauber
Das Geheimnis um den Schatz der Rehgrabenalm wird von Zigeunern seit Jahrhunderten bewahrt. Und so sollte es auch bleiben; sofern man nicht zufällig in Almnähe auf ein Herde Rehe stößt, die nach beinahe Vergessenem scharren.
Quellenangabe:
Überliefert aus Recherchen und Konservatismen der Bayerischen Staatsbibliothek, des Instituts für Völkerkunde, München, des TSG, Südtirol sowie den polizeilichen Protokollen der Gemeinde Lenggries. Übersetzt ins Hochdeutsche und von Jorg Mühlenberg im Jahr 2006 interpretiert.
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| Seppl Mayr wurde im Herbst 1852 - nur einen Monat vor seinem 22.
Geburtstag - an einer Isarholzbrücke nahe Lenggries (heutiges FKK-Gelände),
tot aufgefunden. |
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| Freiherr Willibald von Herresleben in einer frühen Aufnahme 1909. |
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| Herresleben im Kreise seiner Expeditionsmannschaft. Das Photo entstand am 13. April 1917 am Münchener Hauptbahnhof. |
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| Gesellige Hüttenrunde, Anno 1917, v.l.n.r.: Gisbert Orbring, Jockl Heifart, Andreas Kasulek, Volker Meibald, Herbert Kreuziger, NN |
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| Herbert Kreuzinger, † , 1921 am Kreuzjoch, Tirol |
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Andreas Künzel lebt seit 1991 auf einer
Insel im Indischen Ozean. Dort
betreibt er die
Cocktailbar „Foncer de la Sorcière“, zu Deutsch: „Grabenhexe
“. Das Foto stammt aus dem Frühjahr 1977. An seiner Seite (rechts auf dem
Foto zu sehen) die Dänin Mindrell Bullström, die unter dem Künstlernamen „Artemisia“ in den 70er Jahren einige Top-10-Hits hatte. U. a. mit bekannten Disco-Songs wie „Rock me tonight,
Remanda“ und „South African Lady Queen“. |
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